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Und sie dreht sich doch nicht oder Einblick in eine androzentrische Kosmologie

Die aktuelle Profilausgabe nimmt die Freilassung von Strauss-Kahn, der Mitte Mai u.a. der versuchten Vergewaltigung angeklagt worden ist, zum Anlass für eine Coverstory mit dem Titel „Was den Mann treibt“, die sich, so die zusätzliche Information auf der Titelseite, damit befasst, warum Männer für Sex alles riskieren.

Dabei ist die sprachliche Aufbereitung der Titelgeschichte (die noch nicht gewonnene Schlacht des Angeklagten oder die Klägerin, die keine brauchbare Waffe mehr sei, der Charakter-Bankrott der Klägerin) das kleinere Übel. Vielmehr geht es um den darin befindlichen Grundton, der auch in Worten dargelegt wird: Denn weniger geht es in dem Artikel darum, was Männer dazu treibt Frauen zu vergewaltigen, sondern um Männer, denen „Frauen zum Verhängnis geworden“ sind (S. 68). Dieser Grundton realisiert sich auch in der Auswahl der die Titelgeschichte begleitenden Kurzartikel, wie jener Beitrag über das männliche und weibliche Gehirn und die damit verbundene Triebanatomie (Dieses Mal müssen Hormone wie Testosteron und Cortisol und die unterschiedliche Entwicklung des männlichen Gehirns als Erklärungsgründe herhalten.) und das Interview mit Catherine Millet, Autorin und Chefredakteurin einer Pariser Kunstzeitschrift.

Millet, die diese Klage als „feministisches Cinderella-Märchen“ bezeichnet, vertritt die Meinung, dass Frauen ein für alle Mal erklärt werden müsse, dass eine Vergewaltigung nichts sei, wobei frau zu Tode komme, sondern etwas, nach dem frau wieder aufstehen, sich waschen und ihr Leben wieder aufnehmen könne. Es sind unter anderem wohl Ansichten wie diese, die dafür sorgen, dass in Österreich so wenige Frauen, denen Männer sexuelle Gewalt antun, eine Anklage wagen.

Angesichts solcher Titelgeschichten ist meiner Meinung nach der Zweifel, ob sich die Erde tatsächlich dreht, ein durchaus angebrachter.

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Ein Kommentar

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Triebe und genetische Programmierung

Ex-IWF-Boss Dominique Strauss-Kahn wird vorgeworfen, eine junge Frau vergewaltigt zu haben – seit Tagen berichten sämtliche Medien über die „verhängnisvolle Sex-Affäre“. Dass ein Großteil der Journalist_innen bei der Beschreibung des Falls sehr verantwortungslos mit den gewählten Begriffen umgeht, wurde bereits an vielen Stellen treffend analysiert (Diestandard, FM4, Taz, …).

Da werden sexualisierte Gewalt (ein Begriff, der zum Ausdruck bringt, dass es sich um Gewalt handelt, die sexualisiert wird und nicht Sex, der gewaltsam durchgesetzt wird) und Sex beliebig vermischt, sexualisierte Gewalt verniedlicht und damit eine Täter-Opfer-Umkehr provoziert. Solche Mechanismen sind tatsächlich fatal – wie Ines Pohl in der Taz schreibt, bildet Sprache nicht nur gesellschaftliche Machtverhältnisse ab, sondern gestaltet diese auch aktiv mit.

Besonders problematisch ist das Bild von Männlichkeit, das hier in der medialen Berichterstattung gezeichnet wird. Wie so oft werden biologistische Erklärungen herangezogen, wenn es um darum geht, das Verhalten von Strauss-Kahn zu erklären. „Viele Männer – eine Wahrheit: Wenn Macht, Gier und Testosteron zusammenspielen, können Karrieren abrupt enden“, titel der Online-Kurier. Zitiert wird Dr. Pfau, ein Sexualmediziner, der in einem Buch „die ganze Wahrheit“ über Männer veröffentlicht hat. Und diese „Wahrheit“ ist natürlich in den Genen zu finden.

„Männer sind schon wegen ihres evolutionsbiologischen Auftrags in ihrem Sexualverhalten expansiver und neigen zu aggressiv-forderndem Verhalten“, beschreibt Pfau das „Primatenerbe“ der Männer. „Vor unserem durch metrosexuelle Verweichlichung verkümmerten Geschlecht hängt im Geiste also immer noch nur ein Lendenschurz“, ist auch auf Focus Online zu lesen. Es ist also die genetische Programmierung, die Männer in ihrem Sexualverhalten steuert – ein beliebter Erklärungsansatz, der so ganz und gar nicht mehr lustig ist, wenn er statt in „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“ – Büchern und Programmen von Mario Barth im Zusammenhang mit Vergewaltigungen auftaucht.

„Aber ist Dominique Strauss-Kahn (DSK) tatsächlich so triebgesteuert und machtversessen, dass er sich von seinen Hormonen die Karriere vermasseln lässt?“, schreibt die Süddeutsche Zeitung Online und rundet damit das Modell des fremdbestimmten Mannes ab. Selbst wenn in den Artikeln beteurt wird, dass Triebe und Gene das Verhalten zwar erklären, aber nicht entschuldigen würden, passiert hier ganz klar eine Entlastung der Täter. Zugleich wird ein Bild des potentiellen Gewalttäters Mann konstruiert, der – hormonell gesteuert – wie eine tickende Zeitbombe umherirrt.

Frauen kommt in einem solchen Weltbild die Rolle der potentiellen Verführerin zu. „Schon vor seiner Verhaftung ist IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn immer wieder wegen seines lockeren Umgangs mit Frauen und Geld in den Medien kritisiert worden. Die linke Zeitung ‚Liberation‘ etwa zitierte ihn im April mit der Äußerung, drei Punkte könnten seine Präsidentschaftskandidatur belasten: ‚Geld, Frauen und mein Judentum“, ist auf orf.at zu lesen. Eine Frau zur falschen Zeit am falschen Ort kann also zur Auslöserin der „Triebgier“ von Männer werden, ein solcher Vergewaltigungsmythos  ist in zahlreichen Berichten zu finden.

Am Beispiel von sexualisierter Gewalt zeigt sich also besonders drastisch, wie problematisch der Trend sein kann, Gewalt, Sexualität und Macht naturwissenschaftlich und nicht sozialwissenschaftlich erklären zu wollen. Diesen „neuen Biologismus“ charakterisierte Gabriele Kämper in der „EMMA“ folgendermaßen:  „Die Frage nach Macht, Hierarchie, Verantwortung und Veränderung verschwindet hinter den endlos produzierten und von den Medien reproduzierten Hormoncocktails und Hirnströmen.“

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